Das Aufblähen der Welt: Blow Up & Foucault

Das Aufblähen (Blow Up) der Welt

Der folgende Vortrag ist 2009 im Rahmen des Filmclubs der Medien- und Kulturwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf entstanden.

Der Diskurs ist immer nur ein Spiel, genauso wie mein Vortrag hier nur ein Spiel des Diskurses einer Einführung ist. Der Diskurs einer Einführung eines Filmclubs, der die Möglichkeiten zur Verknüpfung kulturwissenschaftlicher Diskurse mit der kulturellen Praxis des Films ansprechen soll. Im Zentrum steht Antonionis “Blow Up” von 1966 und die Erkenntnisfigurationen, wie sie der französische Philosoph Michel Foucault in seiner Inauguralvorlesung “Die Ordnung des Diskurses” umschreibt:

1. Der Diskurs ist
das Spiel des Schreibens:
bei welchem der Diskurs nichts anderes ist als ein Kontaktglied des Sprechens und Schreibens, welches ein Kleid des Denkens sei.
oder anders gesagt
“Eine Philosophie des begründenden Sub-jekts.” (S. 30f)

2. Der Diskurs ist
das Spiel des Lesens:
bei welchem die Dinge bereits einen Sinn murmeln, den wir durch die Sprache nur noch zu heben brauchen.
oder anders gesagt
“Eine Philosophie der ursprünglichen Erfahrung” (S. 31f)

3. Der Diskurs ist
das Spiel des Tauschs:
bei welchem der Logos die Bewegung ist aus der alles entstehen kann.
oder anders gesagt
“Eine Philosophie der universellen Ver-mittlung” (S. 32)

Blow Up kann als Diskurs über den Diskurs verstanden werden.
Als ein Spiel mit dem Zuschauer über das Spiel.

Als ein Prinzip des Diskursumgangs Foucaults werde ich die Biographie Michelangelo Antonionis, der der Regisseur des folgenden Films sei verweigern. Warum müssen Einführungen immer den Kontext ausschöpfen?
Ich weigere mich diesem Zwang zu unterliegen.
Wenn mir alle Quellen dieser Welt weis machen wollen, er sei der Regisseur, so weigere ich mich zu glauben, dass er es wirklich ist, weil ich ein paranoider Nichtgläubiger bin.

Und bin ich als paranoider Nichtgläubiger ein Opfer der Diskursgesellschaft, weil ich an die Wahrheit glaube und nichts als die Wahrheit?

Selbst wenn ich in das entlegenste Medium dieser Welt, zum ursprünglichsten Medium aller Medien zurückkehre, zur Quelle aller Quellen, warum sollte ich dann glauben, dass Antonioni der Regisseur ist, wenn kein Medium die Wahrheit in Reinform in sich birgt? Kann sie Wahrheit beherbergen? Muss ich schreiben, lesen oder tauschen? Aber wo ist man denn nicht Medium? Wann ist etwas nicht Medium? Kann etwas sein ohne Medium zu sein? Wann hört etwas auf Medium zu sein und präsentiert sich uns als SEIN oder genauer WANN IST und vor allen Dingen WAS ist IST?

Wird ein Medium zur Wahrheit wenn ich versuche das Material des Mediums zu reinigen von dem informativen Ballast? Gibt es eine Materialität, die nie Medium ist? Ist dann das Ende des Mediums, also die Reinheit par exellence der Punkt der Wahrheit? Oder ist ein Medium erst dann Wahrheit, wenn es explodiert in unendliche Teile, in Zufälligkeiten, in Diskontinuitäten? Auf jeden Fall sind wir in einem innerhalb des Diskurses und in dem anderen versuchen wir den Diskurs zu umgehen.

Wie man sehen kann, sind wir so sehr verstrickt in den Diskurs, dass wir nie wieder aus ihm heraustreten können. Wir haben uns unsere eigene Matrix bereits gestrickt. Nun ist es an der Zeit die Fäden wieder rückwärts zu spinnen. Aber ist dies noch möglich? Die Frage liegt irgendwo zwischen Alles und Nichts

– vor allem wenn Foucault sagt, dass jeder Zufall gleichzeitig die strengste Struktur ist.

Wir können lesen, schreiben und tauschen.

Aber vorher vergrößern wir doch!

Blow Up!

Was passiert, wenn wir das, was im Medium IST aufblähen? Sehen wir dann Alles oder Nichts oder einfach nur Irgendwas?
Und ist “Aufblähen” nicht immer auch ein “weiter Wegtreten”?

Oder wann fängt an, etwas für uns zu sein?
Hier sind wir noch beim Spiel des Lesens.

Dann fragen wir tiefgehender, wann sind wir?
Hier sind wir noch beim Spiel des Schreibens.

Dann halt – wann ist etwas da?
Das Spiel der Vermittlung – der Logos, die Logik.
Was bleibt noch übrig?

Eine Gruppe von Pantomimen auf einem Wagen, laut und johlend. Ungewöhnlich für die sonst Schweigsamen. Sie halten auf dem Platz. Eine Frau und ein Mann sind die beiden Kontrahenten. Sie spielen “virtuelles” Tennis. Sie stellen die Frage nach der Realität. Der Ball titscht auf. Die Kamera schwingt im Hin und Her des Balls mit, bietet uns einen Blick auf das Unsichtbare an. Und neben der nun doch schweigenden Gruppe Pantomimenzuschauer. Der Fotograf aus London auf der Suche nach der Wahrheit. Und sie liegt vor ihm. Einen Handwurf entfernt. Eine ganz andere, als die, die er sich erhofft. Es ging um bitterernsten Mord. Beim Fotografieren eines Pärchens, das heimlich tut, werden seine Bilder Zeugen eines Mordes. Und seine Odyssee durch London endet auf dem nun sichtbaren Spielfeld der Imagination. Nach dem Handwurf: die Vogelperspektive belässt ihn auf dem riesigen Rasen zurück. Und wir hören die Laute des Spiels, den Ball. Die auditive Wirklichkeit erzeugt sich durch die Imagination. Oder sind wir als Zuschauer diejenigen, denen der Ball nicht gezeigt wird? Der unsichtbar ist vor uns. Welches Sehen ist das richtige? Des Fotografen? Der Pantomime? Der Kamera? Unseres? Des Dritten?

Also, was bleibt übrig vom Spiel der Erkenntnis, das Foucault in seiner “Ordnung des Diskurses” beschreibt?

Das Spiel über das Spiel. Das Medium über das Medium über das Medium…

Blow Up die Bühne!

Viel Vergnügen.


Quellen:

Foucault, Michel (1993): Ordnung des Diskurses. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 30-32

Antonioni, Michelangelo (1966): Blow Up. GB. 111 min.

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