Migration, Prekarität, Kinoraum: “Reise der Hoffnung” (1990)

Der nachfolgende Text entstand 2014 im Rahmen der wissenschaftlichen Filmreihe zur “Filmbilder der türkisch-deutschen Emigration” am Institut für Kunstgeschichte der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf.

Migration, Prekarität und Kinoraum in Xavier Kollers “Reise der Hoffnung” (1990)

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© Ömer Alkın, 2014

Nicht von ungefähr möchte ich hier heute diesen Film zeigen. Gestern [25. Mai 2014] waren Europawahlen, an denen ich als türkischer Staatsbürger übrigens nicht teilnehmen konnte und umso erfreuter bin ich, dass Sie heute hierher gefunden haben.

Mit der zunehmenden Integration von Ländern in die EU eröffnet sich immer mehr Menschen die rechtliche Möglichkeit an der Partizipation des Wohlstands, der in großen Teilen von Europa – nicht in allen – herrscht. Diese Partizipation für verstoßene oder ökonomisch am Existenzminimum lebende Menschen bedeutet das, wenn überhaupt, Sozialleistungen in der Höhe von maximal Hartz IV, schwierige soziale Wohn- und Lebensbedingungen und mangelnde Anerkennung. Unter dem Stichwort „Moslem“, „Bulgaren“ oder „Zigeuner“, erzeugt sich in einigen Teilen Deutschlands eine Atmosphäre der Fremdenfeindlichkeit, die nicht erst wieder hervortritt, sondern unter historischen Gesichtspunkten nur eine Fortführung eines gesellschaftlichen Rassismus zeigt, der nie nachgelassen hat.

Umso interessanter ist dieser Entwicklung mit der Kulturtechnik des Films zu entgegnen, die manchmal Rassismen beflügelt oder manchmal mit einer komplexen Bildsprache auch kommentiert und moduliert.

Spielfilme sind also nicht nur – um meinen Ankündigungstest zu zitieren – rein audiovisuelles Genussmedium oder ein mediales Angebot zur Realitätsflucht. Es reicht auch nicht, Filme als Abbilder einer vorgängigen Wirklichkeit zu verstehen.

Spielfilme sind als Bild-Geber auch Erzeuger am “sozialen Feld” (Mitchell 2008: 325) und dabei maßgeblich an der ästhetischen Wahrnehmung und an Repertoires eines gesellschaftlichen Bilderwissens beteiligt, die unsere soziale Wirklichkeit erst zu dem machen, was sie ist. Und mehr noch: sie bilden “ein Feld medialer Möglichkeiten der Erfahrung sozialer Realität, das genau soweit definiert und erschlossen ist, wie es Filme gibt, die diese Möglichkeiten entdeckt und verwirklicht haben.” (Kappelhoff 2008: 30)

Die im Rahmen der Lehrveranstaltung “Visuelle Kultur und türkischer Emigrationsfilm” am Institut für Kunstgeschichte stattfindende 8-teilige Filmreihe, die hier beginnt, möchte – dem medialen Konstruktionscharakter der Filme folgend – einen möglichst divergenten Einblick in die Bildervielfalt geben, die das deutsch-türkische Kino von seinen Anfängen in den 1960ern bis heute bereithält.

Der hier heute zu zeigende Film „Reise der Hoffnung“ von 1990 basiert auf wahren Begebenheiten, die sich im September 1988 ereigneten. Inspiriert von einem Zeitungsartikel, der den illegalen Ausreiseversuch einer türkischen alevitischen Familie aus Südostanatolien in die Schweiz thematisiert, entwickelt der Schweizer Regisseur Xavier Koller mit einem der bekanntesten türkischen Regisseure deutsch-türkischer Filme, Serif Gören, das Drehbuch, das diese wahre Begebenheit nachzuerzählen versucht. 1990 fertiggestellt und in den Kinos gezeigt, schafft es die schweizerisch-italienisch-deutsche Koproduktion 1991 mit dem Oscar als bester fremdsprachiger Film ausgezeichnet zu werden.

Nicht, dass ich viel gebe auf den Oscar, aber hier für diesen Film liegt – so vermute ich – die Entscheidung auf einem Umstand begründet, den man mit der Floskel „Zeitlosigkeit“ begründen könnte. Migration und die damit einhergehende stets produzierte Prekarität, also Ausgesetztheit in die nationalen Rahmungen und ökonomischen Weltbedingungen, die sich immer wieder aufs Neue als lebensfeindlich für arme Menschen herausstellen und Armut reproduzieren, werden Themen sein, die uns als Weltgemeinschaft immer beschäftigen werden. Und der Film findet eindringliche Momente für diese Verhältnisse ohne plakativ, klischeehaft oder überladen zu wirken.

Erzählt wird die Geschichte einer türkischen Familie, die in der Emigration in die Schweiz eine Hoffnung auf ein besseres Leben hegt. Meryem und Haydar können allerdings nicht alle ihre Kinder mitnehmen. Um der Sehnsucht nach ihren Kindern ein wenig entgegenzukommen, nimmt Mutter Meryem ihren Sohn Mehmet Ali mit, auch wenn der Vater sich anfangs dagegen sträubt (siehe Bild)*. Der Beginn einer “Reise der Hoffnung”.

Die Ergebnisse der Europawahlen und der Erfolg von Parteien, die populistisch nicht nur die Festung Europa nach außen, sondern auch innernational schützen wollen und damit bestimmte Menschenleben anfeinden, macht die Dringlichkeit deutlich, über das Menschsein, Empathie und um über unsere gegenseitige Abhängigkeit nachzudenken. Jedes Jahr erliegen tausende Menschen auf ihrer „Reise der Hoffnung“ dem Traum von einem würdigen Leben. Und selbst angekommen erfüllen sich ihre Hoffnungen nicht.

Die Filmreihe „Filmbilder der türkisch-deutschen Emigration“ mit diesem Film „Reise der Hoffnung“ zu beginnen, mag nicht von dieser moralischen Keule getrennt werden können, als die ich sie hier benutze. Dies benötigt der Film auch nicht, weil er Bilder für eine soziale Nähe findet, die sich im Kinoraum magisch erzeugt. Wenn ein Film uns in den Bann einer anderen Wirklichkeit zieht, die in uns schon immer zu schlummern schien und doch so fremd erscheint, dann ist der Film dasjenige Medium, das jeher dafür geeignet ist, unsere Erfahrungs- und damit Bilderwelten in einer Tiefe zu bereichern, die wir sonst nicht erleben könnten. Filmesehen selbst wird dann zu einer Reise der Hoffnung einer Wirklichkeit, die sich nicht mehr realisiert und utopisch wird.

Mit den heutigen Ausführungen geht es mir darum euch und mich, liebe Zuschauerschaft ein wenig zu sensibilisieren. Dafür, dass in den kommenden, hoffentlich anregenden 105 Minuten wir gemeinsam in diesem Saal einen Erfahrungsraum durchleben werden, der uns dafür offen macht – und das, ohne dass wir danach darüber sprechen müssten oder eine Abmachung treffen müssten – der uns dafür empfänglich macht, den Menschen, die sich für ein würdiges Leben in andere Lebensräume wagen, mit einer offenen Nähe entgegenzutreten.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen.

*Bild-Quelle: Film Still aus der DVD zu “Reise der Hoffnung” (1990)


Quellen:

⋅ Koller, Xavier (1990): Reise der Hoffnung. Mit Necmettin Çobanoğlu und Gnädinger Matthias. Antea Cinematografica, Catpics, Channel Four Films. CH. DVD, 110 min.

⋅ Kappelhoff, Hermann (2008): Realität lesen. Das Kino und die Politik des Ästhetischen. In: Doris Kern und Sabine Nessel (Hg.): Unerhörte Erfahrung. Texte zum Kino. Festschrift für Heide Schlüpmann zum Geburtstag. Frankfurt: Stroemfeld, S. 27–50.

⋅ Mitchell, William J. Thomas (2008): Bildtheorie. 1. Aufl. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

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