Filmkritik: My Child Doku (2014)

VISUALITÄT UND ERZÄHLUNG: TELEPRÄSENZ UND LEVINAS‘ ANTLITZ IN „MY CHILD“ – DOKU

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„Dieser Umschwung vom Gegebenen zum Nächsten, von der Vorstellung zum Kontakt, vom Wissen zur Ethik, ist Antlitz und menschliche Haut. […] Ich bin besessen vom Nächsten, von diesem Antlitz und dieser Haut in der Spur dieser Abwesenheit, d. h. besessen von ihnen in ihrer elenden Verlassenheit und in ihrem unabweisbaren Recht auf mich; […] Die Berührung, in der ich mich dem Nächsten nähere ist weder Erscheinung noch Wissen, sondern das ethische Ereignis der Kommunikation“ (Levinas 1998: 292f)

Im Antlitz des Anderen erkennen wir uns selbst

„Als er ein T-Shirt anprobierte, was ich sah war… Mein Sohn hatte Brüste. Richtige Brüste! Ich brüllte, ‚Was ist das?‘ Er stand bloß still da. Ich rannte aus dem Einkaufszentrum und rief den Arzt an.“ Die türkische Mutter erzählt es mit inbrünstigem Pathos. Dabei sitzt sie uns frontal gegenüber, unfähig zu realisieren, dass ihr Erzählen theatralisch wirkt. Sie ist eine von sieben. Wir blicken sie an, ihr ins Gesicht, wir hören ihre Worte, die vom Kampf mit ihrem Kind erzählen. Und wir können nicht widerstehen ihr weiter zuzuhören.

Im Antlitz des Anderen erkennen wir uns selbst. Das Antlitz ist aber nicht nur ein Gesicht, ist nicht nur Blick, sondern die uns vorausgehende fundamentale Aufforderung des „Nicht-Tötens“. So lässt sich die Ethik des Anderen des jüdischen Philosophen Emanuel Levinas umschreiben. Von Angesicht-zu-Angesicht werden wir uns nämlich der Verantwortung für den Anderen bewusst. Es ist keine Verantwortung im herkömmlichen Sinne, sondern der Andere geht uns voraus und wir antworten noch ohne bei uns selbst zu sein. Subjektivität ist dann stets ein Woanders-Sein, ein versetzt sein. Can Candan versetzt uns mit seiner Doku „My Child“ woanders hin. Vor das unentrinnbare Antlitz von sieben türkischen Eltern, die davon erfuhren, dass ihre Kinder „lesbisch, gay, bi-sexuell, transgender“ sind.

Eine Doku über sieben türkische Eltern homo- und transsexueller Kinder

Ömer, Şule, Günseli, Pınar, Sema, Nilgül, Zeki sind ihre Namen. Hinter diesen Antlitzen stecken ihre sieben Geschichten. Und obwohl diese Menschen nicht leiblich vor uns präsent sind, sind sie bei uns und wir bei ihnen. Denn Filme ermöglichen eine eigene Zeit-Örtlichkeit. Sie bringen Menschen, die vergangen, tot oder abwesend sind bildlich in ihrer eigenen Präsenz vor uns. Diese Anwesenheit des Abwesenden, die doch etwas Jetzt-Präsentes hat, nannte Vilém Flusser die telematische Präsenz. In der telematischen Präsenz dieser sieben Antlitze, Menschen, Eltern und ihrer Erzählperformances wohnen wir den Worten dieser Eltern bei. Und alle sieben Eltern erzählen von einer nur schwer imaginierbaren Erfahrung: davon, dass sie erfuhren, dass ihre Kinder „lesbisch, gay, bi-sexuell, transgender“ sind.

Was nicht sichtbar wird, sind die Kinder der Eltern selbst

Frontal sitzen die zwei Männer und fünf Frauen uns gegenüber und ihre Telepräsenz lässt nur wenig Raum dafür, durch unsere eigenen Blicke ihren Antlitzen zu entgehen. Gefilmt in einer heimischen Räumlichkeit belässt die Beleuchtung des Filmbildes den Hintergrund dunkel, kaum sichtbar. Der Körper der Eltern ist klar und sichtbar, ihre korporale Telepräsenz damit „rein“. Was nicht sichtbar wird, sind die Kinder der Eltern selbst, über die gesprochen wird. Ihre Namen erfahren wir in den immer wieder intelligent gesetzten schwarzen Überblendungen, in die unser Nachdenken und unsere Imaginationen hereinbrechen können. Sie geben unserer Imagination einen Ruhepunkt, von dem aus sie sich regenerieren kann. Ein Moment leerer Fülle. Die Unsichtbarkeit der Kinder – denn wir sehen sie im Dokumentarfilm nicht, vielleicht nur kurz – transformiert sich zu einer Sichtbarkeit in der Vorstellung der Zuschauer selbst. Denn wir bekommen keine Bilder von den Kindern, wir bekommen keine Bilder, die das Erzählte bildhaft materialisieren. Wir sind gezwungen zuhör-zu-sehen. Die Leerstellenhaftigkeit der Bilder der Kinder füllt sich mit der Dichte der Narration der Eltern, was man die Erzeugung einer auditiv vermittelten textuellen Imaginationsfülle nennen könnte, an die sich deren korporale Präsenz theatralisch haftet.

Eine Einladung zum Nachdenken über Visualität und Erzählung

Can Candan ist in seinem schlicht erscheinenden, doch exakt konstruierten Dokumentarfilm eine Einladung zum Nachdenken über Visualität und Erzählung gelungen. Sie macht uns in der bemerkenswertesten Phase des gesamten Films, und das sind die Interviewgespräche mit diesen sieben Menschen, die prekäre, damit also in Tod verkehrbare und das Töten ermöglichende symbolische Welt der „trans, homo und bi“ sozial nahbar.

Gewidmet haben ihn die Filmemacher der Transsexuellen Irem Okan. Irem wurde 2010 mit 29 Messerstichen ermordet in ihrer Wohnung in der Stadt Bursa aufgefunden.

Quellen: Levinas, Emanuel: Die Spur des Anderen. Freiburg, München. 1998.

Titel: My Child – 82 min – Türkei – Surela Films – Regie: Can Candan – Kamera: Oğuz Yenen – Link: http://www.mychilddocumentary.com/ (My Child Documentary)

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